Nichts als Licht und Schatten

katharina stögmüller

Kunstraum Radio: Julia Avramidis

Seit seiner Gründung macht das ORF RadioKulturhaus das akustische Medium Radio auch mit anderen Sinnen erlebbar, es ist mit seinen Veranstaltungen, die zu Sendungen werden, eine Art "leibhaftiges Radio", erweitert also einen akustischen Raum zu einem visuellen und haptischen.

Folgerichtig spielte von Anfang an die Bildende Kunst eine wichtige Rolle bei der Gestaltung dieser Räume: von der von Johann Garber bemalten Ohr-Skulptur vor dem Eingang des RadioKulturhauses bis zu Oswald Tschirtners Kopffüßler-Zeichnungen im Klangtheater und wechselnden Ausstellungen aufstrebender Künstler/innen im Foyer des Großen Sendesaals.

Ab September 2021 ist die Ausstellung Nichts als Bilder mit Licht und Bewegung von Julia Avramidis zu sehen.

Bild mit Licht und schatten

(c) Julia Avramidis

Vielschichtigkeit ist ein zentraler Aspekt in der Wahrnehmung von Julia Avramidis Kunst. Eine Ebene von dezidierter Bedeutung ist dabei das Papier oder die Leinwand selbst, auf ihnen manifestieren sich Ausschnitte der Farbwelten, die weit über die räumliche Begrenzung des sichtbaren Bilduntergrundes hinausgehen. Ausgangspunkt und einzig real messbarer Parameter ist die eigene Körpergröße, sie definiert insbesondere bei großformatigen Werken die frei
gezeichneten, graphischen Elemente.

Die Motive der Arbeiten variieren je nach Betrachtung zwischen Landschaften, skulpturalen Formen, gemalten Architekturen oder abstrahierten figurativen Referenzen auf El Greco oder Jacopo da Pontormo.

Julia Avramidis

(c) Nina Godnagl

Dieser Facettenreichtum in der Betrachtung beginnt mit dem Auftakt des Malprozesses an sich, mit der allerersten freien Linie. Es gibt keine Vorzeichnung, jeder Strich, jede Übermalung ist eine Reaktion auf die vorherige Ebene. Es ist eine Malerei, die über die Malerei an sich reflektiert. Dementsprechend tragen die Werke keine Titel, es sind Bilder, und jedes steht einzeln für sich als singuläre Position ohne Titel oder sonstige zusätzliche Benennung. Die Vielschichtigkeit findet im Bild statt und ist frei von extern übergelagerten Ebenen.

Durch den Akt der Überschreitung der Bildränder durch die endlose Line über mehrere Papierbögen hinweg kreiert Avramidis serielle Werke, die jedes für sich genommen als solitäre Position stehen und zugleich untereinander verbunden sind. Wie ein Myzel sind die Arbeiten miteinander verwoben, die Verflechtungen sind jedoch zumeist unsichtbar unter Farbschichten verborgen und treten nur vereinzelt hervor. Dieser organische Aspekt vereint alle Werke, unabhängig von Farbspektrum oder Format.
Die Vielschichtigkeit wird zusätzlich betont durch die unterschiedlichen verwendeten Materialien. Marker, mit Terpentin gelöste Ölfarbe, Pastellkreide, Leinölfirnis und Aerosol bilden das Basisrepertoire für Avramidis kreativen Prozess. Charakteristisch ist dabei die Bewegung. Das graphische Element, die freie Zeichnung ist Zeugnis für die Dynamik der Ausführung des Striches, die Leichtigkeit der Aerosole steht im Gegensatz zu den kraftvollen breiten Pinselstrichen.
Die in der Ausstellung Nichts als Bilder mit Licht und Bewegung präsentierten Arbeiten kombinieren den künstlerischen graphischen und malerischen Akt mit dem natürlichen Spiel von Licht und Schatten.

Diese Positionen visualisieren den Ansatz, das nicht das Streben nach der einen, endgültigen Wahrheit im Fokus steht bei Avramidis Werken, sondern vielmehr der Beginn eines Denkprozesses. Ein Anstoß des Bewusstwerden des eigenen Ichs im Verhältnis zur Welt. Diese Intention spiegelt sich wider in der Vielfalt der angewandten Techniken, der Materialvariationen und vor allem einer gattungsübergreifenden Neugier.
Eine Trennung der klassischen Kunstgattungen Malerei, Bildhauerei, Poesie, Musik und Architektur ist nicht möglich, zu sehr verwoben sind Avramidis Biographie und kreativer Impuls mit den jeweiligen Genres. Immer wieder konfrontieren die Positionen den Betrachter mit der ihnen innewohnenden Dualität von Skulptur und Malerei, einem Spannungsverhältnis zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, einem graphisch dargestelltem musikalischem Rhythmus oder einer von einem Gedicht inspirierten Linie.

Jan Gustav Fiedler, Wien im Mai 2021