Porträt von Christian Weißgerber

Christian Weißgerber © Yaşar Ohle

Christian E. Weißgerber

Christian E. Weißgerber ist bekennender Ex-Neonazi, der es 2010 schaffte, aus der rechten Szene auszusteigen. Heute gibt er Vorträge und Seminare über die extreme Rechte.

Warum wird man mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust überhaupt wieder zum (Neo-)Nazi? Warum fasziniert eine Ideologie, die 55 Millionen Menschen das Leben kostete, heute manche immer noch? Warum erliegen viele Menschen dem Denken der Nationalpopulisten und der Neuen Rechten, obwohl sie große Ähnlichkeiten zu historischen Faschismen aufweisen? – Diese und viele andere Fragen wird Johannes Kaup dem ehemaligen Neonazi Christian E. Weißgerber bei diesem "Zeit-Raum" stellen und neben Einblicken in die persönliche Geschichte Weißgerbers auch solche in das Denken, die Motive und Ziele nationalistischer, identitärer und rassistischer Bewegungen der Gegenwart, die vermehrt Zulauf bekommen, ermöglichen. Wer mit Christian E. Weißgerber spricht, muss gleich zu Beginn ein verbreitetes Klischee über Neonazis überwinden. Hier sitzt kein minder bemittelter, kleingeistiger, aggressiv-aufbrausender Schlägertyp aus der Klasse der Verlierer. Weißgerber ist hoch intelligent, wählt seine Begriffe mit Bedacht und übernimmt volle Verantwortung für das, was er gedacht, gesagt und getan hat.

Christian E. Weißgerber wurde 1989, im Wendejahr der DDR, geboren und wuchs in Eisenach auf. Bis 2010 gehörte er zur Führungsriege der "Autonomen Nationalisten" in Thüringen, einer militanten Neonazi-Splittergruppe, die eine gewisse inhaltliche Nähe zu den "Identitären" aufweist. Weißgerbers rechtsextreme Gruppe galt als besonders gewaltbereit und wurde deshalb auch vom Verfassungsschutz beobachtet. Er organisierte Demonstrationen, verfertigte Kampfschriften und drehte Propaganda-Videos mit Parolen wie "Deutsches Volk, werde Deiner Verantwortung bewusst" und „"Unsere Wut gehört auf die Straße getragen". Auf einer Demonstration brüllt er den zweideutigen Satz ins Megaphon "Im Kampf gegen die Feinde Deutschlands müssen Opfer gebracht werden". Sein Ziel war ein radikaler Gesellschaftsumbruch. 2010 zog sich Weißgerber mit Hilfe von anderen aus der rechten Szene zurück und deradikalisierte sich schrittweise. Er studierte in Jena, Paris und Berlin Philosophie und Kulturwissenschaft. Seit 2012 klärt er in Vorträgen und Seminaren über die extreme Rechte und ihre gemäßigteren Vertreter auf, die die Politik in einigen Ländern Europas bereits mitbestimmen. Heute lebt er als Autor und Bildungsreferent in Berlin.

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